Zeit

Mein Leben ist in Ordnung? Schön, wenn man das von sich sagen kann. Weniger schön zu spüren, dass sich das manchmal viel zu schnell ändert. Und das hat es. Seltsam, dass ich gar nicht mehr genau weiß, wie es plötzlich kam. Fieber. Lungenentzündung. Intensivstation. Und auf einmal ist man wie gelähmt. Das sonderbare ist, dass ich mein Leben weitergelebt habe. Wo war die Verzweiflung, die auf Herz und Verstand übergreift? Ein komisches Gefühl. Und ich war auf Nachfrage hin außer Stande, es adäquat zu beschreiben. Es sind die Medikamente, das weiß ich. Und im Nachhinein kann ich es auch erklären. Verstand und Herz waren quasi voneinander getrennt, als wäre in mir ein Glaskasten, in dem mein Herz eingeschlossen ist- das Gefühl schreit, will hinaus, strampelt und schlägt gegen die Gefängniswände, während der Kopf emotionslos zusieht wie mein Inneres völlig verzweifelt, wie ein Teil von mir stirbt. So kann man sein Leben führen. Es gibt sicherlich Leute, die das tun. So kann man im Alltag funktionieren, in der Schule gute Noten kriegen, den Kopf bewahren. Doch das bin nicht Ich, das will ich nicht. Ich bin keiner, der sich von seiner Vernunft leiten lässt. Ich will nicht zusehen, wie ich emotional absterbe. Hab ich auch nicht. Wären da nicht diese Momente gewesen, die Momente, in denen ich im dunklen Auto saß, in meinem Zimmer, laut Musik hörte, nicht ein noch aus wusste, in denen Wut und Verzweiflung mich völlig übermannten. Wären da nicht diese Momente gewesen, die mich davor bewahrt haben, zum emotionalen Wrack zu werden, die mich wieder zu dem gemacht haben, was ich eigentlich bin: ein Mensch. nur ein Mensch. Vielleicht ist es ganz gut, dass ich die Medikamente nehme. Auch wenn ich mich in vielen Augenblicken selbst nicht wiedererkannt habe- war es nicht besser so? Und seien wir mal ehrlich- hätte ich einen weiteren Tiefschlag, eine weitere Depression überlebt? Hätte ich das? Das ist stark zu bezweifeln. Ich kenne mich doch. Schlimm genug alles. Als es David noch gut ging, hatte ich diesen Alptraum. Seine Beerdigung. Es war furchtbar. Und nun... Der Traum schien verdammt nochmal Realität zu werden. Die Beerdigung von Jules Mutter. Das Leben, das verdammte Arschloch.
Wieder einmal versage ich auf der menschlichen Schiene total. Nicht die richtigen Worte, nicht die richtigen Gesten. Ich Volldepp. Aber wie kann man auch helfen? Und ich fühle mich, als wäre es die Trauerfeier meines eigenen Bruders. Ganz schön scheiße. Und vor allem auch keine große Hilfe für alle Beteiligten. I'm sorry. Ich Vollidiot. Mensch.
Manchmal ganz schön praktisch, dass alles zur selben Zeit völlig schief geht. Dass das Leben bisweilen einen Rundumschlag tut und alles, was sich nicht rechtzeitig bückt, gnadenlos niederschlägt. Praktisch, ha. Solch eine Ironie. Aber- oh mein Gott, war ich froh, dass für die Beerdigung Unterstützung aus Irland eingeflogen kam. Unterstützung für Jule- so sollte es jedenfalls sein. Dass ich ebenfalls welche brauchen würde, war so nicht geplant, hätte nicht so sein sollen. Aber ja, die Ironie. Wenn einer das Leben lässt, müssen gleich mehrere gerettet werden. Wieviel mehr... wenn alles auf der Schneide steht. Der grausamste Witz von allen. Dass man da nachts nicht mehr schlafen kann, versteht sich wohl von selbst. Und seltsamerweise fühlt man sich auf einer Matratze neben dem Eukalyptus im zweiten Stock mehr zu Hause als irgendwo anders. Bitter. Dort findet man auch endlich einmal Schlaf, ist man doch sicher vor den Erinnerungen, die in den gewohnten vier Wänden den ruhigen Atem zu ersticken drohen. Das zu Hause, das mit dem Wissen, dass einer fehlt, der im Nebenzimmer liegen sollte, bei Nacht so kalt und trostlos wird wie ein verlassener Friedhof. Eine ruhige Nacht vor einem der schrecklichsten Tage meines Lebens. Man geht nicht in die Schule, fährt stattdessen in die Intensivstation. Die Augen so leer, das Husten wie ein Ringen nach Luft. Und Momente, in denen man allmählich zu verstehen beginnt, dass alle Lebenskraft in diesem schwachen Händedruck gebündelt ist. Künstliches Koma. Wie verabschiedet man sich von einem geliebten Menschen, wenn man nicht weiß, ob er je wieder aufwachen wird? Wie gibt man Kraft weiter, die man selbst nicht hat? Zuversicht und Hoffnung? Die Tränen, die man nicht zeigen darf. Einer muss ja stark sein. Dann wird man weggeschickt, und man will nicht loslassen, nicht solange noch Leben in dem Körper ist. Kann den Blick nicht abwenden, sieht durch die offenen Türen kurz vor dem Gehen Ärzte und Pfleger beim Intubieren, sieht, was man den Angehörigen nicht zumuten will. Sieht. Sieht weg. zu spät. Man sieht und kann nie mehr vergessen. Diese Augenblicke. Nie mehr. Ein paar Stunden später ist man wieder da. Hält die Hand. Man hat ja versprochen zurückzukommen. Und dabei nimmt er es wahrscheinlich nicht mal wahr. Man darf weinen, darf verzweifeln. Eine Armee von Geräten um das Bett herum. Man starrt wie gebannt auf die Monitore. Feuert sie an, damit die Werte nicht schlechter werden. Dieser verdammte Kampf um Leben und Tod. Man glaubt immer man würde ihn gewinnen. Falsch gedacht. Donnerstag. Sehr früh. Er stirbt. Er stirbt. verdammt. er stirbt. heute oder morgen. oder...

 

23.12.06 21:12
 


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